Quellenforschung

Übrigens bin ich wieder nüchtern.

Ja, wir haben Quellenforschung betrieben. Dieses erstaunlich versoffene Gedicht entstand im Rahmen einer Forschungsarbeit des mutmaßlich größten und besten Wolfgang Graetz Forschers unserer Tage und Nächte in der Tiergartenquelle, die, wie der Name schon sagt, ziemlich im Tiergarten liegt. Aber nicht wirklich.

Vor dem Lagebericht nur eines:Wolfgang Graetz saß mehr im Knast, als dass er die Tiergartenquelle (in den Jahren 1985 bis 1994 – ?) betrieb – Inhaber war er nicht, durfte er nicht, wegen des fehlenden sauberen polizeilichen Führungszeugnisses. – OK, Details sind mir nicht wirklich bekannt.

Saß er im Knast, hatte er Muse zu schreiben. In den 60ger und 70gern gab es einige ruhmreiche Theaterstücke und Hörspiele von ihm. Seinen Start schrieb er in meiner mittelhessischen Heimat: in der JVA Rockenberg. Äh, dort bin ich natürlich nicht beheimatet, sondern in einer größeren Siedlung in unmittelbarer Nähe zur Mittelhessenmetropole, die der Herr Georg Büchner mit dem Begriff hohle Mittelmäßigkeit in galante Worte zu fassen wusste.

Nachdem der Graetzforscher schon in diversen Lokalitäten (Zwiebelfisch, Kleine Weltlaterne) das Aroma des dichterischen Geistes genossen hatte, war nun letztgültig die Tiergarten Quelle dran.

Die Tiergarten Quelle (oder meinswegen Tiergartenquelle) befindet sich in der Bachstraße, unmittelbar unter der S-Bahnstation Tiergarten. Es handelt sich um eine alteingesessene Berliner Kneipe. Nein, es ist keine Eckkneipe. Es ist eine Unter-der-S-Bahn-Kneipe. Wer (Falsches Spiel mit) Roger Rabbit gesehen hat, weiß, was das Schönes heißt: ratternde S-Bahnen, die das Bier auf dem Tisch in Bewegung setzten.

Die Klientel ist wunderbar durchwachsen. Da sind Thekensitzer früherer Generationen, gutbürgerliches Publikum, Studenten, Touristen (sehr gerne Japaner) und Rocker mit alten Damenfahrrädern. Ausgeschenkt wird Lemke, Bier der Berliner Bierbrauerei, und gegessen wird zümpftig: Die Teller sind riesig, das Essen schmackhaft, die Mitarbeiter aufmerksam und (wir sind hier wirklich in Berlin!) freundlich.

Jeder Gast ist berechtigt, einen Bierdeckel zu beschriften und zu bemalen, und ihn dann auf die hohe Kante (dem Sims) zu stellen, zu den Hunderten anderen beschrifteten und bemalten Bierdeckeln, in vielen Sprachen und mit idiotischsten Kommentaren und natürlich Bildern. Darunter findet der findige Gast tatsächlich auch das kleine feine versoffene Gedicht auf den Herrn Wolfgang Graetz, Kneipje, Knasti und Schriftsteller.


%d Bloggern gefällt das: