Kaufen und Lesen

Ich bin die Tage wieder einmal an Michael Erlhoff erinnert worden. Vor ein paar Tagen kamen zwei Meldung zur Lage der Domain in Deutschland: Denic teilte mit, endlich sei die 10-millionste Domain registriert. Das war am Montag. Gleich am Dienstag zog Sedo, die Domainbörse mit reichlich Parkplatz, nach und erklärte, lediglich 55 % aller .de-Domains werden auch wirklich genutzt. Der Rest steht zum Verkauf und ist geparkt.

Also erinnerte ich mich an das wundervolle Essay Nutzen statt Besitzen von Michael Erlhoff, das 1995 bei Steidl erschienen war. Erlhoff entfaltet in diesem Essay, das von Design handelt und diesen begrüßenswerter Weise sehr sehr sehr weit fasst, dass Besitzen eigentlich destruktiv wirkt. Die Dinge zu nutzen sei richtig. – Schön.

Mich also dessen erinnernd, schaute ich mal bei Amazon. Und siehe: im Mai ist eine schöne Kompilation zum 65 Geburtstag von Michael Erlhoff veröffentlicht:

Michael Erlhoff & Friends
TXT & IMG
herausgegeben von Ute Brandes
Birkhäuser: Basel Boston Berlin
320 Seiten

Das Buch versammelt Texte, Bilder und Kollagen von Erloff und seinen Freunden. Es ist ein schönes inspirierendes Buch für jeden Ort. Das Format (11 cm x 17,8 cm x 2,2 cm) ist ideal, es überall hin mitzunehmen und in kleinen Wartepausen einen Haps davon zu naschen.

Bei einigen Erloff-Texten ist das freilich nicht immer einfach, denn man braucht etwas Ruhe, um zu begreifen, warum die Moderne, wie sie allenthalben verstanden wird, eigentlich gar nicht so recht modern ist. Bestechend auch die nochmalige Überprüfung der Idee vom Nutzen statt Besitzen unter dem Titel Kaufen macht Spaß, Besitzen frustriert:

Kaufen nämlich bereitet tatsächlich viel mehr Vergnügen als der Besitz, der letztlich – nehmen wir teilweise Nahrungsmittel davon aus – immer Sorgenfalten produziert. […] Denn es ist nicht der Kummer um das dahingeschmolzene Geld, vielmehr sind es Ängste, die stets mit dem Besitz einhergehen. […]

Nein, das Besitzen deprimiert und enttäuscht (schon wieder sieht man einen Kratzer am Auto oder auf dem Tisch, oder ständig muss der Computer-Fachmann bemüht werden, das Gerät endlich richtig einzustellen).

Hinzu kommen die Schwierigkeiten, die mit der Instandhaltung und der Entsorgung einhergehen. Kaufen, so Erlhoff, dient unter anderem der Kompensation von Frustration, der – vermeintlichen – Befriedigung von Sehnsüchten, aber auch der Kommunikation, die wir alle gerne pflegen. Und, eines der schlagensten Argument: gekauft wird, weil wir uns genieren, ein einmal betretenes Geschäft zu verlassen, ohne gekauft zu haben, aus Rücksicht vor dem Anbieter und den freundlichen Mitarbeitern.

Aber gleichwohl: Das Buch darf man ruhig kaufen und nutzen, sprich lesen. Danach kann man es ja weiterreichen.

[UpDate]
Ach ja, beinahe vergessen: Der Knalleffekt zum Thema Kaufen. Erloff meint, man müsse dahin kommen, dass nur noch für den Akt des Kaufen bezahlt werde, nicht für einen Gegenstand, den man dann auch nicht besitzt. Der Preis richtete sich nach dem jeweilgen Einkommen, womit man viele überschuldete Haushalte wieder ins Lot brächte.

Ja, so könnte es gehen.

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