Madness live in Berlin

Hey You! Don’t watch that, watch this! This is the heavy heavy monster sound. The nuttyiest sound of all!

Und es ist wahr. So eröffnete Madness vor mehr als 27 Jahren ein Konzert. So eröffnen sie seit dem jedes Konzert. So eröffneten sie am Freitag in der Zitadelle Spandau gegen 20:45 h. Doch nach dieser Aufforderung sackt die Stimmung erst einmal in ein kleines Tief: Die Herren sind nicht gut bei Stimme, treffen die Töne nicht. Und wir haben es mit einer gewissen Unfreiheit zu tun: Madness ist auch Attitüde. Man trägt Anzug und dunkle Sonnenbrille. Man verkörpert eine coole nittyness, die auch nach einem Viertel Jahrhundert noch bestand haben muss. Einfach loslegen und Musik machen wäre zu wenig. Man ist geneigt zu sagen: sehr kommod. Mehr nicht. Aber dann …

Nach einigen Songs ist dieser Anschein verflogen. Hit folgt auf Hit. Welches Problem hat eigentlich eine Band, die nur Hits in ihrem Portfolio aufweisen kann? Jeder Song ein Hit. Ich meine das ernst. Alles Hits! Sie kann alles richtig, aber auch alles falsch machen. Denn jeder Song ist der richtige, oder der falsche. Madness spielte am Freitag jedoch alle richtigen – und sparte ein paar ebenfalls richtige aus. Wie gern‘ hätte ich Victoria Gardens oder Brand new Beat gehört. Doch wie entschädigt Baggy Trousers bei dem schließlich alle Anwesenden mittanzten und sangen.

Und dann: So viele strahlend lächelnde, sich freuende Männer (und Frauen, ok Frauen waren auch anwesend; die Bemerkung fusst vielmehr auf der Einflüsterung einer Frau: »da waren so viele hübsche, glücklich lächelnde Männer auf ein Mal zu sehen …) sah man selten auf einem sommerabendlichen Musikabend. Musik erlangt da seine eigentliche Bedeutung: Sie macht Glücklich und vielleicht sogar bessere Menschen.

Das Durchschnittsalter war übrigens deutlich jünger als erwartet. Rechnen wir’s mal durch: Ende der 70er erscheint One Step Beyond, bereits 1986 ist das Madnesswunder erst einmal durch. Wer früh flügge wird und äußerst cool daherkommt, hört bereits mit 14 Jahren Madness. Wir reden also von den zwischen 1960 bis 1971 Geborenen. Die Jüngsten sind heute 35 Jahre alt!. Das Durchschnittsalter der Anwesenden schätze ich auf knapp unter 30. Es waren junge Menschen da. Und die kannten die Texte genauso gut wie die alten Hasen. (Gleichzeitig eröffnet so ein Konzert die Kenntnis von der fehlenden Textsicherheit!) Madness hat also ein Potential jenseits ihrer eigentlichen Hochphase. Sie sprechen mit ihren alten und doch immer noch aktuellen Scheiben das jetzige Publikum an (obwohl der Durchschnittsplattenkäufer mittlerweile über 40 Jahre zählt). Die beiden letzten Neuproduktionen sind nicht weiter ins Gewicht gefallen, obzwar seit etwa einem Jahr von der letzten Produktion ein Lied durchs Radio geistert, das nicht wirklich zu den Höhepunkten madnessischem Musikschaffens gehört (aber hey, auch das ein Hit, der Live gespielt die Massen in Bewegung setzen würde).

Die Herren von Madness (deren Saxophonist aufgrund von Krankheit durch einen begabten Mann ersetzt war) brachten jedenfalls die Zitadelle ins Wanken. Die feinen Anzüge hielten nicht lange: Nach 45 Minuten zeigten sich schweißgetrieben Engelsflügel, die zuletzt, mit den Zugaben, einfach zum einwandfrei riesigen Schweißfleck expandierten und die Anzüge ruinierten.

Höhepunkt war freilich allemal der Punkt, als sie – unter dem Hinweis, nicht wirklich erwachsen zu werden – Baggy Trousers anstimmten. Ab da waren auch die ganz am Rande des Auditoriums weilenden Gäste in Bewegung. Von da an war alles ein riesiges Furiosum, die wabernde Menge beglückte Empfänger der verrückten Rhythmen einer der wichtigsten und der wahrscheinlich erfolgreichsten britischen Bands der 80er Jahre. Und das 20 Jahre nachher. In der Nachspielzeit gab es unter anderem ein grandioses Nightboad to Kairo.

Doch zuletzt war alles zu kurz. Und wirklich: 1 Stunde und 25 Minuten … Gerne würde man das noch einmal durchtanzen dürfen, weniger beobachtend und lauernd. – Doch deutet alles darauf hin, dass Madness bald wieder Berlin zum Beben bringt. Bis dahin hören wir The Lot.

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6 Antworten to “Madness live in Berlin”

  1. Oese Says:

    Schöner Bericht…weisst du zufällig, wie der letzte Song am Abend hieß, bei dem nochmal die komplette Band vorgestellt wurde?

  2. dany Says:

    Hallo Oese, ich weiss es nicht mehr. Hab jetzt einen Tag rumgegrübelt, was das wohl war, aber mir ist es nicht eingefallen. Ich weiss nur noch, dass man kein Wort verstanden hat, von dem was er da sagte (ich jedenfalls hab kein Wort verstanden).

  3. Oese Says:

    Schade Schade…war irgendein Cover mit nem bekannten Rhythmus.

    …und schönen Gruß aus Babelsberg.

  4. n-dee Says:

    Hi Oese und Dany,

    schließe mich Euch an, habe allerdings die Setlist aus Bonn vom 8.7. gefunden, die mir doch sehr ähnlich, wenn nicht identisch vorkommt.
    Vielleicht kann das mal jemand prüfen, bin mir bei einige Songs nicht ganz sicher.

    Greetz

    N-Dee

    1. One step beyond
    2. Girl, why don´t you
    3. My Girl
    4. Tomorrow´s just another day
    5. You keep me hanging on
    6. Embarrassment
    7. Taller than you are
    8. The Sun and the Rain
    9. The Prince
    10. John Jones
    11. Shut up
    12. Chase the Devil
    13. House of fun
    14. Grey Day
    15. Wings of a Dove
    16. Bed and Breakfast man
    17. Baggy Trousers
    18. Our House
    19. It must be love

    ENCORE 1
    20. Madness
    21. Nightboat to Cairo

    ENCORE 2
    22. It Mek
    23. Papa’s Got a Brand New Pigbag

  5. Oese Says:

    n-dee…du bist grandios…Natürlich war es „Papa’s Got a Brand New Pigbag“. Vielen vielen Dank.

  6. Logopäde Says:

    So, mein Lieber, jetzt habe ich es geschafft, ein Video vom Konzert ins Netz und auf http://sprachzentrum-berlin.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=162 zu stellen.
    Schöne Konzertkritik, die Du geschrieben hast.

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