Pearl Jam in der Wuhlheide

Ich glaub, ich bin doch kein Fan. Die andern, ja, aber ich? Wohl nicht.

Und das kam nämlich so: Ich ging über den Hügel und näherte mich langsam der Kante der Kindl-Bühne, da hörte man sie alle schon toben. Man zwängt sich zwischen Fress-, Trink-, Merchantdisingbuden und Menschenmassen durch und steht dann am Rand. Der Blick öffnet sich in ein menschenwogendes, randvolles Becken, in dem Laolakreise ihre wippenden Bahnen ziehen. Ist das jetzt schon peinlich oder Kult?

Keine Ahnung. Die Stimmung war freudiges Erwarten.

Nur wenige Minuten nach der Ankunft an der Sohle des Auditoriums kam auch schon die Band auf die Bühne, das Licht ging aus, die Sterne glänzten und los ging’s: gute 2 Stunden Pearl Jam aus allen Schaffensperioden: Kraftvoll, verstörend, akustisch, elektrisch, nachdenklich, bestimmend, johlend.

Für den Bühnenfernen Beobachter leicht zu erkennen: Eddie Vedder trägt nun lange, leichtgelockte Haare. Schwerer sichtbar ist der Kinnbart. Die Entfernung lässt den Sound etwas hohl klingen. Wirklich laut ist es bei dem Abstand zur Bühne und den Lautsprechern auch nicht. Alles im grünen Bereich soweit. Hab‘ die Lieder auch weitestgehend auf Anhieb identifiziert – außer denen von der neuesten Scheibe. Aber dann die Frage:

Bin ich Fan, der ich fast alle offiziellen Alben (nicht die B-Seitensammlung und die unzähligen Liveschnitte) mein Eigen nenne und kenne? – Kann man Fan sein, wenn man die Texte der Band auch alle fleißig gelesen hat, mehrfach und jeweils zu dem entsprechenden Liedern – und dann doch nicht in der Lage ist, sie mitzusingen?

Alle haben mitgesungen. Nur ich nicht. Ich kenne die Texte nicht auswendig. Mist.

Und dann noch so ein Ding: Für mich ist Given To Fly eine der bedeutenden Hymnen der Band, bei der man unbedingt wildschlagenden Herzens mitsingtmacht. Aber falsch: Auch wenn Eddie Vedder sein Hemd, Engelsflügeln gleich hinter seinem Haupt ausbreitete (an gestreckten Armen), um mich herum schien keiner so recht auf diesen Song, der mich lange Jahre auf meinen Umsteigepausen im Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe begleitete und moralisch unterstützte, anzuspringen, geschweige denn mitzusingen. Klar, bei Alive, ja da, – sangen alle mit (außer mir).

Aber nochmal zum Anfang: Erst rubbelten die Herren auf der Bühne einige Klassiker herunter, ehe sie ganz sacht neue Hits spielten. Recht früh verließen Pearl Jam dann die Bühne, nur um noch eine Stunde dranzuhängen. – Eddie Vedder brachte zwischendrin eine stolpernde Grußbotschaft auf deutsch, später widmete er (ebenfalls auf deutsch) noch einen Song Joey Ramone (einem guten alten Freund, wie er versicherte) und endete dieses Stück mit mehreren leis’=lässigen:

»today your heart, tomorrow the world«.

Das Konzert war umfangreich, zurückhaltend in der Show (das bisschen Licht akzentuierte die Musik angemessen) und wurde nicht nur von den Fans euphorisch aufgenommen (auch wir Nicht-wirklich-Fans fanden fantastischen Spaß). Die Bude war ausverkauft. Und wer es verpasst hat, hat es leider verpasst. Auf lange Jahre! – Doch schien mir, wenn man sich zuhause ein wenig Zeit nimmt und mal wieder in Ruhe die ein oder andere Pearl Jam hört, hat man durchaus auch seinen Spaß, und viel zu denken. Und wird, bis die wieder kommen, doch noch Fan. Weil man dann vielleicht die Texte mitsingen kann. – Hab ja sonst nix zu tun.

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