Listen und Listen führen

Es ist sehr bemerkenswert, wie das Hirn ausblendet, was es nicht sehen will. Das gilt auch und gerade beim Getting Things Done (GTD).

Grundlage des Getting Things Done ist die Hirnsäuberung. Alles was das Hirn belastet, weil man es vergessen könnte, wird ausgelagert – in Listen. Sie schreiben einfach alles, was zu tun ist in eine Liste. Ich liebe Listen. Allerdings, die Listenführung ist so eine Sache:

Ich habe Listen, in die schaue ich nie rein. Das sind allerdings Listen, die Teil anderer Listen sind. Beim Blick auf die unterschiedlichen Teillisten werden Abschnitte beim Betrachten einfach nicht gesehen, ausgeblendet, genichtet.

Großartige Sache, das Hirn!

Und je älter die Listeneinträge (nichts gegen eine gute Datumsfunktion), desto einfacher verschwinden sie aus dem Blickfeld. Denn je länger eine Aufgabe darauf wartet, bewältigt zu werden, desto unangenehmer wird sie und desto lieber übersehen wir sie.

In einer meiner zahlreiche »Unter«-Listen werfe ich zum Beispiel Neueingänge, deren Bearbeitung etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen wird, die überhaupt anzugehen zeitaufwändig sind, da ich erst eine digitale Akte anlegen muss. Diese Liste ist praktisch tot. Aber es kommen immer wieder neue Leichen hinzu. Da reicht im Grunde der Panama-Kanal nicht aus, die Leichen alle zu vergraben, die ich da ablege.

Ich trage mich sogar seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, genau diese Liste auszudrucken und dann das digitale Original zu löschen. Sie würde mich bei der Arbeit am Rechner nicht mehr so stören und wäre noch in diesem Universum. Und den analogen Ausdruck, den könnte man heften, falten und in ein Kuvert stecken, das man dann an Christ Kindl schickt, in der Hoffnung, dass sich die Aufgaben an Weihnachten von selbst erledigen.

Bei Neuzugängen, die tatsächlich bearbeitet werden MÜSSEN (MÜSSEN!, nicht einfach nur müssen), weil Fristen laufen (die man grundsätzlich ja nicht einhält), verfahre ich anders. Es ergreift mich da vielleicht sogar eine gewisse moralische Pflicht oder zivilisatorischer Ethos oder irgend so ein Dämon: und schon lege ich gleich – ohne viel Aufhebens – eine digitale Akte an, formuliere gegebenenfalls ungebremst auch ein Schreiben, aber unterbreche mich dann selbst, weil ich noch etwas nachschauen oder überdenken will.

Das hat nichts mit dem mittlerweile berühmten procrastination zu tun, dem sich vor der Tat drücken, dem Verschleppen von Aktionen. Nein, das ist einfach nur Pech; Pech für diese Sache, die liegt dann nämlich für die kommenden Tage im Koma. Und andere dringende Sachen werden schnell schnell schnell bearbeitet (was nichts anderes heisst als sie in denselben komatösen Zustand zu bringen). Aber irgendwann sind alle Neuzugänge in vorformulierte Komata versetzt und ich muss die vorformulierten Schreiben weiter bearbeiten.

Der Prozess der Weiterverarbeitung ist äußerst heikel und diffizil. Man kann diese Tätigkeit nicht jedem zumuten. Nur ausgebuffte Profis bekommen das hin. Ich gehöre wohl nicht zu dieser Gruppe, denn die vorformulierten und vorbereiteten Schreiben bleiben genau so, wie ich sie gleich zu Anfang niedergeschrieben habe. – Hm, mag da der ein oder andere Schlaumeier meinen: Dann könnte man sie ja eigentlich auch gleich fertig machen und rausschicken. Aber weiss ich das, wenn ich gerade daran arbeite? Oder weiss später mein Hirn, dass ich sowieso nichts mehr daran verändern werde, wo ich zuvor das Gefühl des Unfertigen in mir trug (oder das Gefühl des Unfertigen mich trog)?

Ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten etwas gelernt: Selbst ein Mann wie Merlin Mann, den Mann für das Ding, das Getting Things Done Ding, auch Merlin Mann schreibt darüber, weil er die Sache nicht geregelt bekommt. – Einen Beweis?

Nun, schauen Sie sich seine (10+2)*5-Technik an, bzw. seinen Eintrag darüber:

I’ve been experimenting with a squirelly new system to pound through my procrastinated to-do list.

Ich habe, nicht nur daraus, einen anderen Blick auf die Sache gewonnen und stelle folgende These auf: wer darüber spricht, schreibt und sich sonst wie zum GTD äußert, tut das nicht, weil er seine Sachen geregelt kriegt, sondern weil er sie gerade nicht geregelt bekommt. Das hat etwas von den Studenten, die Psychologie studieren: Sie wollen eigentlich therapiert werden. Alle, die ihre Sachen einfach so machen (und davon kenne ich eine Menge, die auf meine Fragen nach dem Wie? keine Antwort wissen, außer dass sie es einfach machen), wissen gar nicht, was Schieben, Verschleppen, Nixtun bedeutet, die kennen das nicht, die organisieren einfach und machen es.

Trauen Sie also niemanden, der sich mit dem GTD beschäftigt und artikuliert?

Nein, falsch: Das sind Fachleute, die wissen, wovon sie sprechen, und man kann von ihnen lernen. Was, steht in einem anderen Blog auf einem anderen Blatt.

3 Antworten to “Listen und Listen führen”

  1. Rolf Says:

    oder einfach so,
    aus dem Tagebuch einer stoischen Arbeiterin:
    „Niemals innehalten, um sich das Ergebnis anzusehen. Das Ergebnis kommt von ganz allein.“
    Patrica Highsmith 15. Mai 1971
    gefunden in: Patricia Highsmith; Der Junge der Ripley folgte; Diogenes 2006, Anhang Seite 470

  2. Ein Zitat von Fr. Highsmith « Die Kritiker Says:

    […] Weil Rolf so freundlich war, es in den Kommentar zu schreiben, es aber einen würdigeren Platz verdient hat: »Niemals innehalten, um sich das Ergebnis anzusehen. Das Ergebnis kommt von ganz allein.« […]

  3. Probleme anderer Leute « Die Kritiker Says:

    […] Da ich nun durch den Artikel von Matthias Gräbner wieder auf das PAL-Feld gestoßen wurde, wirds mir nimmermehr entfallen. Gerade in Situationen wie diesen werde ich mich immer des PAL-Feldes erinnern und die Listen dann doch wahrnehmen – hoffe ich. […]

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