Manieren

Asfa-Wossen Asserate hat dieses Buch bereits vor vier Jahren vorgelegt. Ich habe es mit Freuden gelesen und nehme mir nur ein Detail, das mir im Gespräch mit Dritten zu denken gegeben hat (S. 87f):

Aber sind wir nicht alle so jung, wie wir uns fühlen? Nein, wir sind so alt, wie wir aussehen, und wir sehen ganz genau so alt aus, wie wir sind, auch wenn es rings um uns von »glänzend erhaltenen Fünfzig-, Sechzig- und Siebzigjährigen« nur so wimmelt.

In einer sich immer jünger fühlenden Gesellschaft ein hartes Wort. Aber ich habe das als später Zweitstudierender deutlich vor Augen geführt bekommen von Kommilitonen. Wenn man als 29 Jahre junger Student plötzlich von Kommilitonen gesiezt wird, weiss man, dass es nicht mehr weit ist, bis zur Altersdemenz.

Im Kopf bleibt man gleichwohl ein gefühlter Frühzwanziger. Es sei denn, etwas kommt dazwischen – wie etwa ein Fahrrad, das einem den Weg kreuzt und selbst, auf einem Fahrrad, zu einem schweren Sturz bringt. In den Tagen danach, im Krankenhaus und in der Zeit der Rekonvaleszenz, die nicht zur 100-prozentigen Wiederherstellung führt, erspürt man unvermittelt die eigene Sterblichkeit. Und man verliert das Gefühl der Jugendlichkeit.

Aber zurück zum Buch und seinem Autor. Herr Asserate ist ein Prinz aus dem Äthiopischen Kaiserhaus, 1948 geboren und – nennen wir es mal – Deutschlandorientiert erzogen. Besseres geschriebenes Deutsch findet man wohl kaum in einem anderen Buch. Klarheit, Prägnanz und doch schwingende Satzkonstruktion, bei gleichzeitig umfangreicher Begriffswahl zeichnen den Stil des Buches aus. Als Ausländer wirft er einen erhellenden Blick auf die Manieren der westlichen Welt, aber insbesondere Deutschlands. Und da lernt man einiges, ohne mit einem Regelwerk konfrontiert zu werden. Es ist feinsinnige Prosa über das Miteinander, die unterhaltsamer kaum geschrieben sein könnte.

Wer also gutes Deutsch und gute Manieren lesen und erfahren möchte und dabei noch bestens unterhalten werden will, der greife zum Asserate.

Asfa-Wossen Asserate
Manieren
16. ° Frankfurt 2005
Greno Eichborn


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