Die Buddenbrooks

In Deutschland werden auch ohne Bernd Eichingers Hilfe schlechte Filme produziert. Die aktuelle Kinofassung der Verfilmung des Mann’schen Stoffes Die Buddenbrooks ist eine reine Katastrophe geworden und keinesfalls zur Ansicht empfohlen.

In den ersten Minuten versucht der Film, Atmosphäre zu schaffen – und scheitert kläglich. Über den gesamten Film kommt dann auch keine Stimmung auf. Die Eingangssequenz zeigt kurz eine Kinderszene, die den Wettkampf der beiden Kaufmannsfamilien darstellt, ein Thema, das über den Film kaum weiter vertieft wird und nur gegen Ende nochmals angesprochen wird. Doch hier am Anfang des Films, wird gehetzt eine Wettfahrt auf Karren gezeigt, bei dem man die Kaufmannskinder nicht ordentlich identifizieren kann noch auch kennen lernt – wie man überhaupt über den Film kaum eine Person kennen lernt. Symptomatisch ist: es werden Fakten aneinander gereiht, ohne die Information in einen ordentlichen Zusammenhang zu bringen und dem Zuschauen die Zeit zu geben, sich da hineinzuleben. Der Regisseur ist schlichtweg nicht in der Lage, zu erzählen. Hier lässt sich als Vergleich die nicht unbedingt ruhige und aber einfühlsame Darstellung der Kindheit Molieres, die zugleich sich als Wegweisend für sein Leben (in der filmischen Darstellung von Regisseurin Ariane Mnouchkine) erweist, entgegen halten. Nun gut, Frau Mnouchkine hat sich ja auch 260 Minuten Zeit gelassen; aber wäre das bei einem Stoff wie Die Buddenbrooks nicht auch der bessere Weg gewesen? Wahrscheinlich nicht:

Hat man die hektische Rennfahrt hinter sich, sollen nun (ca. 10 Jahre später) die unterschiedlichen Protagonisten und ihre Konstellation zueinander in einer großen Ballszene vermittelt werden. Doch auch hier scheitert der Film, lässt sich keine Zeit, den Stoff erzählerisch zu entwickeln, sondern gibt nur kurze Statements ohne jede greifbare Bedeutung für die einzelnen Charaktere und dem Zuschauer ist es nicht möglich, diese diesen zuzuordnen. Der Ball selber wird nicht spürbar. Man denke nur an die uneinholbare, 45 Minuten lange Ballszene in »Der Leopard« von Visconti. Diese Szene ist ganz dem Ball gewidmet und lässt den Zuschauer diesen lebendig erleben; die Protagonisten sind zu diesem Moment des Films dem Zuschauer bereits bestens und bis in Details bekannt. Ihr Handeln während der Szene ist organische und nachvollziehbar. Bei den Buddenbrooks versteht man weder die Personen, noch fühlt man den Ball. Es ist nichts.

Und an dieser Stelle zeigt der Mann hinter der Kamera, Gernot Roll, erste Plattitüden, die über den Film immer weiter zunehmen und nichts weiter als peinlicher Aktionismus ohne jeden Sinn darstellen – und das von einem Kameramann, der bereits zahlreiche Preise eingeheimst hat. So wird, unvermittelt und völlig falsche Effekte erzeugend, kurzfristig und hastig auf die Blumenverkäuferin gezoomt, nach dem ihr Liebhaber, Thomas Buddenbrock, ihr einen verlorenen Strauss reicht. Warum ihr Gesicht hektisch herangeholt werden muss? Der Kameramann wird sich schon das falsche gedacht haben und führt solchen Kameraunsinn über den gesamten Film hin fort.

Ohne jetzt weiter in Details zu gehen: Der Dilettantismus setzt sich fort in peinlichst platten Wettermetaphern. Jedesmal, wenn etwas Schlimmes passiert, fängt es an zu regnen und zu stürmen wie vom Zorne Gottes geleitet. Nur einmal ergibt dies wirklich Sinn: wenn die Ernte, auf die Thomas Buddenbrook gesetzt hat, zerhagelt wird. Aber sonst: Nischt wie blödes auf die Zwölf gefasel. Dazu gehört auch ordentlicher Musikbrei über allem, so dass die teilweise auch schwache Arbeit der Schauspieler nicht weiter auffällt. An einer entscheidender Stelle setzt die Musik tatsächlich einmal aus, weil doch jetzt etwas wichtiges gesagt wird, vom Vater (Armin Müller-Stahl) zur Tochter, wobei dann auch schamlos die schauspielerische Inkompetenz von Jessica Schwarz zu Tage tritt, die man zuvor unter dem Klangteppich nur ahnen konnte.

Sehr schön erweist sich der Kontrast des Gewollten und des tatsächlich erreichten bei der von Iris Berben gespielten Betsy Buddenbrook. In einem Interview in der Zeitschrift Bücher hat sie ihre Auffassung des Charakters der von ihr gespielten Betsy Buddenbrook sehr schön dargelegt; auf der Leinwand dann sieht man aber nichts davon. Wahrscheinlich wurden alles Szenen, die dem Zuschauer das richtige Bild der Betsy Buddenbrook vermittelt hätten am Schneidetisch entfernt, damit man nicht noch länger dieser flachen Aneinanderreihung von dumpfen Sprüchen und Bildern (immerhin dauert die Fassung 152 Minuten) ausgesetzt ist.

Auch der wirkliche und tatsächliche Untergang des Hauses Buddenbrook findet gar nicht ordentlich Raum. Zum Schluss sterben fasst alle und das wars; obwohl: man wird sich ja wiedersehen (im Himmel), so die letzten Worte. Regisseur und Kameramann haben hier kläglich versagt – oder liegt die katastrophale Substanzlosigkeit des Films an der Zahl der Produzenten und Förderer? Dann hätte der Regisseur sich eben bei den konformistischen Fernsehmachern nicht durchsetzen können, was ebenfalls sein Fehler ist. – Dieser Film ist jedenfalls ein Nichts. Wer sich damit zufrieden gibt, bitte. Ich kann den Film niemanden empfehlen.

Die Buddenbrooks
151 Minuten
Deutschland 2008
R: Heinrich Breloer
K: Gernot Roll
D: Armin Müller-Stahl, Iris Berben, Jessica Schwarz, August Diehl u.a.

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7 Antworten to “Die Buddenbrooks”

  1. Gina Says:

    Danke für die ausführliche Kritik. Ich dachte mir etwas in der Art schon, als ich unlängst „the making of“ im TV angeschaut habe. Da erschienen mir einige Szenen schon irgendwie … stümperhaft. Wie nannte man Filme dieser Art mal? Ach ja: Kostümfilme.

    Das Buch war ein Hochgenuss, der Film wird auch ohne mich ein (finanzieller) Erfolg.

    Guten Rutsch!

    Gina

  2. meistermochi Says:

    dann lieber „die manns.“

  3. Rolf Says:

    Danke für die Warnung.

    Mit so einem Kostümfilm kann man sich schnell die eigenen Bilder im Kopf beschädigen.

  4. Pieter Says:

    Ja, die stümperhafte Kameraführung war von Beginn an. Dazu kam ein dauerndes peinliches weichzeichnen der Szenen.
    Ich, der ich das Buch nie gelesen habe, habe keinen Zugang zu den Personen erhalten, die Zeitsprünge waren nicht nachvollziehbar. Dass Toni 2 Kinder hatte (habe ich nachgelesen) wurde komplett ausgelassen. Iris Berbens Altern war vom maskenbildnerischen Effekt katastrophal (erst kurz vor ihrem Tod bekam sie graue Haare). Die letzten 10 Minutan ging es Schlag auf Schlag, als hätte man am Schneidtisch unter Zeitdruck die Kinoversion (es soll ja eine längere Fernsehfassung geben) eben mal zusammengeschustert.
    Und da hilft auch kein Armin Müller-Stahl, der wieder einmal nur sich selber spielt. Ich selber fand die schauspielerische Leistung von Jessica Schwarz nicht so schlecht.
    Aber letztendlich wird man zu keinem Zeitpunkt warm mit dem Film.
    Man sehe sich nur die eine oder andere Jane Austin Verfilmung an. Die schaffen das immer in einer Leichtigkeit.
    Die Buddenbrooksverfilmung ist ein Krampf.

  5. petra Says:

    Ich habe mir schon gedacht, dass dieser Film nichts sein kann, eine Iris Berben sollte bei ihren Leisten bleiben und triviale Fernsehfilmchen drehen und sich nicht an Weltliteratur versuchen.
    Im übrigen war es absolut unnötig diesen Film zu drehen,da die Buddenbrooks 1959 ganz hervorragend verfilmt wurden, mit richtig guten Schauspielern.

  6. Nina Says:

    Oh je. Ich hatte es befürchtet, daß der Film in die Hosen gegangen ist. Vermutlicch werde ich mir diese Version ansehen, wenn sie ins Fernsehen kommt und nicht extra eine Kinokarte kaufen. Wieder ein Gang gespart :-)

    Ich habe das Buch zweimal gelesen und werde es bestimmt nochmals zur Hand nehmen, weil es so prallvoll mit Details ist. Man entdeckt immer wieder Neues.
    Die Verfilmung von 1959 habe ich auch gesehen. Es gab auch noch eine, die mir in guter Erinnerung geblieben ist, mit Ruth Leuwerik als Konsulin. Auch sehr sehenswert.
    Vielen Dank Petra für den Kommentar zu Iris Berben. Um es mit den Worten von Günter Pfitzmann zu sagen (ja, man höre und staune): „Es gibt jede Menge Darsteller im deutschen Fernsehen und einige wenige Schauspieler“. Nicht wörtlich, aber sinngemäß wiedergegeben.

  7. Buddenbrooks frei nach Pilcher Says:

    […] Die Kritiker hatten schon vorgewarnt. Verlinken mit: […]

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